Kolben

„Unterwegs macht man nicht permanent Bilder“, oder: Wie macht man Prozesse sichtbar?

Ein Kommentar von Katja Sussner

Stellen wir uns mal vor, wir wären über ein Jahr auf Reisen gewesen. Wären vielen unterschiedlichen Menschen begegnet, hätten einiges gesehen, was sich nur durch längeres Beschauen ansatzweise erklärt, unbekannte Gerichte gekostet und unglaublich viele Gespräche geführt, die unsere Meinung beeinflusst haben. Zurück zu Hause würden wir dann aufgefordert, das, was diesen Urlaub ausgemacht hat, anhand eines einzigen oder einiger weniger Urlaubsfotos zu verdeutlichen. Geht das? Wäre die Auswahl der Bilder nicht eine radikale Verkürzung dessen, was wirklich war – oder der Akt des Auswählens eher eine Verdichtung, die wesentliche Erfahrungen der Reise erst richtig deutlich macht?

Ähnlich fordernd ist die Frage, wie man eigentlich Prozesse im Rahmen kultureller Bildung künstlerisch abbilden kann und ihnen dabei gemäß bleibt. Wir haben es versucht: „Alles jetzt und hier – und später noch mehr?“ nannte sich die Abschlussveranstaltung der ÜBER LEBENSKUNST.Schule, die genau solche Fragen zu beantworten hatte. In zwei Tagen wollten wir ein „Reinschnuppern“ ermöglichen in 14 Schulprojekte, die über ein Schuljahr realisiert worden waren – und gleichzeitig ihren künstlerischen Anspruch und die verwirklichten Qualitäten sichtbar machen. Im Zentrum der Veranstaltung standen die 14 Projekte der KünstlerInnen, die sich an der Schnittstelle zwischen kultureller Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung in der ÜBER LEBENSKUNST.Schule zusätzlich ausgebildet hatten.

Im Rahmen des kollektiven Planungsprozesses mit den beteiligten KünstlerInnen kristallisierten sich zwei fundamentale Fragen heraus, die uns im Hinblick auf die Veranstaltung beschäftigen sollten: Wie präsentiert man im Rahmen eines kulturell notierten Ortes wie des HKW angemessen Projekte der kulturellen Bildung, die mit ihren Handlungs- und Erscheinungslogiken zwischen den Feldern Bildung und Kunst liegen? Und wie lassen sich eigentlich Prozesse und Entwicklungen in diesen Projekten ansprechend verdeutlichen? Dabei bezog der Titel der Veranstaltung sich vor allem auf die thematische Zuspitzung der ÜBER LEBENSKUNST.Schule auf den Bereich Nachhaltigkeit. Er spielt ebenso mit Ideen von Ressourcenverbrauch, Wachstum und Wachstumskritik wie mit dem Lebensgefühl eines bestimmten Alters.

Die Veranstaltung hätte im Nachhinein angesichts der genannten Fragen sicher auch anders heißen können – vielleicht etwas Ähnliches wie „Das Bedeutsame passiert unterwegs, und was ist mit den Fotos?“. Ein Wesentliches aller Projekte war sicher „unterwegs“ passiert, im Rahmen der Projektentwicklung. In den vielen gemeinsamen Momenten des Erfahrens, Zuhörens und Schaffens, die KünstlerInnen, SchülerInnen und LehrerInnen geteilt hatten. In den längerfristig angelegten Projekten, die sich über mehrere Monate erstreckten, waren die Beteiligten gemeinsam durch vielfältige Erfahrungen spaziert. Durch Frustrationen und kleine Glücksmomente, durch ungekannte Herausforderungen an Offenheit und Mut. Im künstlerischen Arbeiten stand hierbei nicht nur eine Auseinandersetzung mit Kunst und künstlerischem Schaffen auf dem Plan, sondern auch mit dem Themenrahmen der Nachhaltigkeit.

Aus dieser Erfahrung des längerfristigen Zusammenarbeitens resultierte eine zentrale Forderung, die die beteiligten KünstlerInnen an das Programm der Abschlussveranstaltung gestellt hatten und die auch in den Veranstaltungsbeiträgen widerhallte. Die SchülerInnen sollten im Mittelpunkt stehen, denn nach allem, was unterwegs geschehen war, stand fest: Die wahren ExpertInnen sind jetzt die SchülerInnen. Aus dieser Forderung, der Verortung im kulturellen Rahmen sowie aus den Handlungslogiken der einzelnen Projekte entstand schließlich das Programm der Abschlussveranstaltung: Wir haben uns an einer „lebendigen Ausstellung“ versucht.

Idee war es, zum einen Objekte aus den einzelnen Schulprojekten auszuwählen und diese in einer Art Ausstellung zugänglich zu machen. Dabei sollten die Objekte zweierlei leisten: für Einzelergebnisse stehen, aber auch eine gewisse Anmutung des Projekts transportieren. Darüber hinaus gab es an den zwei Veranstaltungstagen mit den Beteiligten kommentierende und erklärende Führungen zur Ausstellung, thematisch flankierende Diskussionsrunden, Aufführungen aus einzelnen Projekten, ein Schaubild zur Geschichte sowie die zentrale „Revue der Projekte“. Dort wurden alle Projekte anhand eines Live-Moments noch einmal vorgestellt. In all dem, so die Hoffnung, könnte ein Gefühl für den „Spirit“ der Projekte entstehen, der über die entstandenen Produktionen hinaus auch in den Prozess der Entstehung einführt. Dabei soll und kann es wohl keine Veranstaltung leisten, Wesentliches aus den Projekten wirklich abzubilden; eine solche Veranstaltung liefert aber im besten Fall einen Kommentar zu den vergangenen Prozessen, der erahnen lässt, worum es in den Projekten gegangen sein könnte.

Dabei schimmerten zwei deutliche Tendenzen durch die Veranstaltung, die ein Gefühl für die Projekte zumindest erleichterten:

Wie heißt es? Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen? Wie ist das also mit den Urlaubsfotos, verdichten sie oder verkürzen sie? Nun ja, wir wissen ja: Reisen bildet ungemein, man sollte mehr reisen, doch manche Erlebnisse von unterwegs will man auch lieber gar nicht fotografieren und teilen ...

Festival
ÜBER.LEBENSKUNST

17.–21. August 2011

Das Festival ÜBER LEBENSKUNST bildete den Höhepunkt des Initiativprojekts. Vom 17. bis 21. August 2011 führte es im Haus der Kulturen der Welt (HKW) und im Berliner Stadtraum alle Stränge und Teilprojekte von ÜBER LEBENSKUNST zusammen und verdichtete sie zu einem 101-stündigen Programm mit Kunst, Musik, Konferenz, Literatur, Workshops, Filmen, Exkursionen, Gesprächen und unzähligen Verknüpfungen von Lebensgenuss und nachhaltigem Handeln.
Erfahren Sie hier mehr zum Festival ÜBER LEBENSKUNST

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Für die ÜBER LEBENSKUNST.Schule war das Festival zugleich Abschluss der zehnmonatigen Weiterbildung und Auftakt der Schulprojekte. Zwei „Häuser im Haus“ der architektonischen Installation imbaueinbau im Foyer des HKW dienten uns als Ausstellungs-, Begegnungs- und Arbeitsraum. Hier gaben wir Einblick in den Stand der Projektplanungen und stellten die Konzepte der Schulprojekte vor. Wir luden in einer „Leseperformance“ die BesucherInnen ein, sich auf die Verknüpfung von BNE und Kunst einzulassen.

Zahlreiche Diskussionen und Gespräche mit dem Publikum entstanden, das mit über 7.000 BesucherInnen in den vier Tagen des Festivals zahlreiche Fachleute aus der Kunst- und Nachhaltigkeitsszene genauso wie die breite Öffentlichkeit im HKW versammelte. Und wir vermittelten anschaulich, dass die ÜBER LEBENSKUNST.Schule nicht nur ein Anliegen, sondern auch viele offene Fragen hat, denen sie sich in der praktischen Umsetzung der Projekte stellen will.

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Für zahlreiche Projekte war der Besuch des Festivals der Auftakt der gemeinsamen Arbeit von KünstlerInnen und SchülerInnen. Dabei diente es als Wissensressource und Arbeitsort gleichermaßen. Gemeinsame Erkundungen des Festivals gehörten ebenso dazu wie viele Diskussionen und Workshops mit den ProjektpartnerInnen.

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Dennis Feser sammelte auf dem Festival mit seiner Projektklasse der Finkenkrug-Schule in Berlin und mit der Hörfunkjournalistin Nadine Schmid verschiedene Stimmen und Geräusche zum Thema Sauberkeit und Hygiene, aus denen dann im Studio des HKW-Hausradios eine Radiosendung produziert wurde.

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Eva Hertzsch und Adam Page richteten mit SchülerInnen des Albert-Schweitzer-Gymnasiums in Berlin-Neukölln ein Nachrichtenstudio ein. Interviews mit KünstlerInnen und Ergebnisse von Recherchen auf dem Festival wurden zu einer inszenierten Nachrichtensendung zusammengestellt.

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Isabelle Dechamps und Miriam Chouaib brachten einen Laserdrucker zum Festival mit und probierten gemeinsam mit ihrer Projektklasse des Bertha-von-Suttner-Gymnasiums in Berlin aus, wie mit Techniken des „Rapid Manufacturing“ Informationsmaterialien des Festivals zu individuell gestalteten Unikaten werden.

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Nicole Noack erkundete das Festival mit den SchülerInnen und LehrerInnen des Gymnasiums Allee in Hamburg. Ihre Beobachtungen hielten die SchülerInnen in Skizzenbüchern fest, hier das von Win-Yean Chung.

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Katharina Lüdicke lud die FestivalbesucherInnen ein, mit Fundstücken des Festivals zu experimentieren, zu bauen und eine eigene Raumskulptur zu gestalten.

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