Kolben

Inhalt

I.Formen der Praxisbegleitung Projektetreffen und Projektbesuche ExperInnenberatung Dokumentation

II.Begleitforschung Ebenen der Analyse Selbstforscher in eigener Sache

Kunst – kulturelle Bildung – Bildung für nachhaltige Entwicklung – Schule. Die ÜBER LEBENSKUNST.Schule hat nicht nur verschiedene fachliche Ansätze, sondern auch viele Personen mit unterschiedlichen professionellen Hintergründen vereint. Aber was passiert, wenn diese unterschiedlichen „Spielarten“ aufeinandertreffen und gemeinsame Sache machen? Wie übersetzen KünstlerInnen Themen nachhaltiger Entwicklung in Bildungsprozesse? Was können wir aus ihren Erfahrungen lernen? Am Beginn der ÜBER LEBENSKUNST.Schule stand der Wunsch, mit den Schulprojekten einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Schnittstelle von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Kunst/kultureller Bildung zu leisten und damit PraktikerInnen beider Arbeitsfelder zu inspirieren. Aber worin genau kann dieser Beitrag bestehen?
Um Antworten auf diese Frage zu erhalten, ist eine strukturierte Auseinandersetzung mit der Projektpraxis notwendig. Die 17 KünstlerInnen der ÜBER LEBENSKUNST.Schule wurden daher während der Umsetzung ihrer Schulprojekte mit verschiedenen Reflexionsangeboten, von kollegialer Beratung bis zur Dokumentation, begleitet und unterstützt. Die Gleichzeitigkeit von praktischem Tun und dessen Reflexion war für alle Beteiligten eine anspruchsvolle Aufgabe, die es aber ermöglichte, aus Erfolgen und Momenten des Scheiterns zu lernen und im Austausch mit KollegInnen individuelle Erfahrungen auch in ihren verallgemeinerbaren und strukturellen Aspekten zu begreifen.

Es ist uns wichtig, diese verschiedenen Maßnahmen der Begleitung zu beschreiben, denn wir halten es für unabdingbar, dass künstlerische Schulprojekte nur unter guter fachlicher Begleitung und mit ausreichendem Anlass und Angeboten zur Reflexion durchgeführt werden. Unserer Erfahrung nach sind die ProjektinitiatorInnen während der Durchführung mit einer solchen Fülle von Aufgaben, Fragen und Herausforderungen konfrontiert, dass sie mit deren Bewältigung nicht allein bleiben dürfen. Gegenseitige Unterstützung und Austausch unter KollegInnen ist dafür ebenso bedeutsam wie ein professioneller Rat. Um das zu ermöglichen, müssen finanzielle Mittel bereitgestellt und zeitliche Ressourcen von Anfang an eingeplant werden.
Wir konnten über das Ob und Wie der Begleitung im Rahmen des verfügbaren Budgets frei entscheiden. So verteilten wir die finanziellen Mittel auf verschiedene Reflexionsangebote, um damit für unterschiedliche Bedürfnisse passende Werkzeuge anzubieten. Unsere eigenen Ressourcen dagegen waren durch die festgeschriebenen Personalbudgets begrenzt. Dennoch versuchten wir, neben den sonstigen Maßnahmen und unseren organisatorischen Aufgaben eine kleine Begleitforschung durchzuführen, für deren externe Beauftragung die Mittel nicht vorhanden waren.

I. Formen der Praxisbegleitung

Projektetreffen und Projektbesuche

Das Kernstück der Praxisbegleitung bildete der regelmäßige Kontakt der TeilnehmerInnen untereinander und mit den Programmleiterinnen. Im Laufe des Schuljahres 2011/12 fanden vier eineinhalbtägige Projektetreffen im Haus der Kulturen der Welt statt, die dem Austausch und der gemeinsamen Reflexion der Projektpraxis (in Form kollegialer Beratung) dienten. Die Rückmeldung der TeilnehmerInnen ergab, dass dieser direkte, wenig strukturierte Austausch untereinander eine große fachliche und emotionale Unterstützung bedeutete und auch konkrete Probleme dabei lösungsorientiert bearbeitet werden konnten.
Daneben besuchten wir jedes der Projekte mindestens ein Mal und führten Gespräche mit den beteiligten SchülerInnen, LehrerInnen und PartnerInnen über ihre Eindrücke und Erfahrungen in dem Projekt. Diese Gespräche waren keine Befragungen, deren Ergebnisse wir danach verarbeiteten, sondern Angebote zum Austausch und zur Reflexion des Projekts aus der jeweiligen Perspektive.

ExpertInnenberatung

Jedes Projekt hatte ein Stundenkontingent zur Verfügung, mit dem bezahlter ExpertInnenrat eingeholt werden konnte. Dies konnte eine ReferentIn aus dem Bildungsprogramm sein, ein fachlich unabhängiger Coach oder eine andere für die KünstlerIn wertvolle Beratungsperson. Dabei wurden nach Bedarf der KünstlerInnen strukturelle, inhaltliche oder methodische Projektelemente reflektiert und Optimierungsmöglichkeiten für die Projektpraxis erarbeitet. Das Honorar für eine Beratungsstunde wurde von uns festgelegt und direkt vergütet, die KünstlerInnen vereinbarten die Inhalte und den Modus der Beratung selbst.
Dem Anspruch eines offenen, diskursiven und kritisch-reflektierenden Programms mit einer heterogenen Teilnehmergruppe gerecht zu werden, bedeutete auch für uns als Leiterinnen, eine professionelle Begleitung in Form eines systemischen Coachings in Anspruch zu nehmen.

Dokumentation

Die Dokumentation der Schulprojekte wurde im Rahmen der Projektverträge geregelt und von Rahel Puffert als Beraterin das ganze Schuljahr über betreut. Sie regte die kontinuierliche schriftliche oder bildliche Auseinandersetzung mit der Projektumsetzung, zum Beispiel in Form von Tagebüchern an, um den Prozess im Detail reflektieren und das eigene Handeln weiter professionalisieren zu können. Die Dokumentationen in dieser Webpublikation sind eine Weiterverarbeitung dieser begleitenden Notation und entstanden allein in Verantwortung und Zuständigkeit der KünstlerInnen, wiederum beraten und unterstützt durch Rahel Puffert.

II. Begleitforschung

Zusätzlich zur Praxisbegleitung wollten wir das gesamte Programm ÜBER LEBENSKUNST.Schule – von der Ausgangsidee bis zur Abschlussveranstaltung – auch mit einem forschenden Blick betrachten. Wir erhofften uns, durch die Beschreibung und Reflexion des Geschehenen Qualitätsmerkmale für ein neues Praxisfeld an der Schnittstelle von BNE und Kunst/ kultureller Bildung formulieren zu können.
Es ging uns dabei nicht um einen Vergleich der Schulprojekte oder der beteiligten Personen nach bestimmten Merkmalen. Im Gegenteil wollten wir die Individualität eines jeden Projekts respektieren und die Akteure in ihrem Tun (be)sta¨rken. Gleichzeitig wollten wir sehr wohl diejenigen inhaltlichen, methodischen und strukturellen Aspekte herausarbeiten, die fu¨r alle Projekte relevant waren. Davon erwarteten wir uns Rückschlüsse darauf, welche Faktoren und Bedingungen zum Gelingen bzw. zum Scheitern eines Projekts führen können.
Eine wissenschaftliche Begleitforschung konnten wir aufgrund beschränkter zeitlicher Ressourcen nur intern und in einem kleinen Rahmen realisieren. Das beinhaltete auch eine methodische Gratwanderung bezogen auf unsere Rollen: mal inhaltlich bestimmend als Programmleiterinnen, mal kritisch-fragend als Begleiterinnen der Praxis und Gesprächspartnerinnen. Selbstverständlich niemals neutral. Wir haben uns dabei an der Aktionsforschung (action research) orientiert und die kontinuierliche Reflexion des praktischen Tuns aller Beteiligten als Ressource betrachtet. Die daraus entstandenen Erfahrungen und Erkenntnisse können wir für uns selbst, aber auch für andere Akteure nutzbar machen. Aktionsforschung geht nicht von einem Forschungsobjekt, sondern von interessengeleiteten Individuen aus. Die subjektiven Interpretationen der eigenen sozialen Praxis werden genutzt, um Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.
Bei der Durchführung der Begleitforschung wurden wir von Anna Chrusciel vom Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste beraten und unterstützt.
(Literatur: H. Altrichter /P. Posch: Lehrerinnen und Lehrer erforschen ihren Unterricht. Bad Heilbrunn 2007.)

Ebenen der Analyse

Die Beschreibung und Reflexion des Geschehenen sollte alle Ebenen und Beteiligten der ÜBER LEBENSKUNST.Schule einbeziehen. Aus unserer ersten Fragestellung „Was bedeutet BNE im Kontext der ÜBER LEBENSKUNST.Schule?“ leiteten wir zunächst eine Ausgangsfrage ab, um herauszufinden, welche Motive zur ÜBER LEBENSKUNST.Schule geführt haben und wie BNE auf den verschiedenen Ebenen des Programms interpretiert und adaptiert wurde. Die programminitiierenden Kooperationspartner fragten wir, wie es zur Entstehung der ÜBER LEBENSKUNST.Schule kam. Ihre Antworten sind im Interview mit Lutz Nitsche und Teresa Jahn von der Kulturstiftung des Bundes sowie im Essay von Gerhard de Haanvom Institut Futur nachzulesen. Als Programmleitung befragten wir auch uns selbst: Was sind unsere Positionen zu und Interpretationen von BNE? In welcher Weise haben wir BNE für ÜBER LEBENSKUNST.Schule ausgelegt und wie spiegelt sich das in den Aktivitäten, die stattgefunden haben? Wie werden unsere Interpretationen aufgenommen? In unseren Überlegungen zum Bildungsprogramm stellen wir diese beiden Aspekte dar. Die 17 teilnehmenden KünstlerInnen fragten wir nach ihren Erwartungen an das eigene Schulprojekt und ihrer Interpretation bzw. spezifischen Anspruch an BNE. Diese Befragung führten wir im ersten Drittel der Praxisphase durch. Sie ermöglichte es uns, auf die zweite Forschungsfrage „Welche Erkenntnisse können wir für weitere Projektvorhaben gewinnen?“ einzugehen und einige querliegende Themen und Fragestellungen zu identifizieren, die die Mehrheit der KünstlerInnen im Kontext ihres Projekts beschäftigten. Auf dieser Basis haben wir Erkenntnisse aus den Erfahrungen der KünstlerInnen mit ihren Schulprojekten formuliert.

Selbstforscher in eigener Sache

Die Befragung diente uns auch dazu, ein Orientierungsschema für die Betrachtung der Schulprojekte zu erhalten. Auf dieser Basis wählten wir aus den 14 Projekten drei für eine teambasierte Begleitforschung aus. Entscheidend für die Auswahl war deren Heterogenität bezogen auf die thematisch-methodische Orientierung, auf Schultypen/Altersgruppen sowie auf das künstlerische und thematische Vorgehen. In einer ersten gemeinsamen Sitzung mit den KünstlerInnen der drei ausgewählten Projekte wurden deren spezifische Forschungsfragen entwickelt. Dazu überlegten sich die Beteiligten zunächst individuell, welche Fragen sie an sich und ihr Projekt stellen. Konkret und im Sinne der Aktionsforschung bedeutete das: Welche persönlichen Annahmen und aktiven Handlungen will ich genauer untersuchen, um daraus andere Handlungsmöglichkeiten ableiten zu können? Ein weiteres Forschungstreffen diente der Operationalisierung. Für jedes Projekt identifizierten die KünstlerInnen die Akteure, die eine zentrale Rolle in Bezug auf die Forschungsfrage einnehmen und zu ihrer Beantwortung beitragen könnten. Dabei wurden auch geeignete Erhebungsmethoden und ­settings besprochen, die in der Folge umgesetzt wurden – teilweise durch uns Programmleiterinnen, teilweise gemeinsam. Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Aktionsforschungsprozess haben die vier ProjektinitiatorInnen individuell verarbeitet und im Rahmen ihrer Dokumentationen umgesetzt. Wir stellen die drei Projekte mit ihren Forschungsfragen und Erhebungsmethoden in der Analyse der Schulprojekte vor.

Warum ÜBER LEBENSKUNST?

Grußwort von Hortensia Völckers, Künstlerische Direktorin der Kulturstiftung des Bundes, und Bernd M. Scherer, Intendant des Hauses der Kulturen der Welt

Um unsere heutige Zeit zu verstehen, lohnt es, sich die großen Erzählungen der Moderne vor Augen zu führen. Zu diesem Zweck möchten wir Sie in das London der 1870er Jahre einladen. Dort sitzen in einem angesehenen Club ältere Herren in ihren Ledersesseln und blicken immer wieder nervös auf die Uhr. Der Grund für ihre Nervosität ist eine Wette: Gelingt es, in 80 Tagen die Welt zu umrunden? Der Fortschritt in Technologie und Wissenschaft scheint den Traum vom Reisen in großer Geschwindigkeit ermöglicht zu haben. Derweil vollzieht sich auf dem Atlantik das Drama: Phileas Fogg ist es zwar gelungen, einen Raddampfer zu kapern, um den Ozean von New York nach Irland zu überqueren, ihm gehen aber gegen Ende der Fahrt die Brennmaterialien aus. In der Not kauft er das ganze Boot und lässt die Planken verheizen.

Gibt es ein besseres Bild für unsere Zeit? Bei dem Versuch, Raum und Zeit immer stärker zu komprimieren, verfeuern wir im Boot Erde die Grundlagen unserer Existenz. Jules Vernes Roman endet mit dem umjubelten Erfolg von Phileas Fogg.

Dieser tritt aber nur ein, weil das Ziel geografisch wohldefiniert ist: Fogg verlässt am Ende der Reise das abgewirtschaftete Boot und betritt in Irland sicheren Boden. Im Fall der Erde gibt es das nicht – dieser Planet ist unser Boot, unser Ozean und unser Boden in einem.
Fast täglich lesen wir in den Zeitungen, wie wir selbst unsere Lebensgrundlagen zerstören. So stellte das Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC) bereits 2007 unter anderem fest, dass bei gleichbleibenden Emissionen die globale Durchschnittstemperatur um 0,2 Grad Celsius pro Dekade ansteigt und dass bei dieser Entwicklung bereits im Jahr 2020 zwischen 75 und 250 Millionen Menschen kein ausreichendes Trinkwasser mehr haben werden. Diese Nachrichten haben bisher allerdings nicht dazu geführt, dass wir umdenken und ernsthaft gegensteuern.

Aus diesem Grund entwickelten wir das Projekt ÜBER LEBENSKUNST. Darin versuchten wir, von den Bedrohungsszenarien wegzukommen und den handelnden Menschen in den Mittelpunkt zu stellen:

Wie können angesichts der existenziellen Problemstellungen neue Lebensmodelle aussehen, die ein gutes Leben für sich und nachfolgende Generationen ermöglichen? Es ging dabei nicht um neue Theorieansätze, sondern um die Erprobung anderer Handlungspraktiken. Eine Vielzahl künstlerischer Projekte lud dazu ein, aus festgeschriebenem Alltagshandeln auszusteigen und sich auf neue Vorstellungsräume einzulassen. Unsere alltäglichen Routinen, die mit einem hohen Ressourcenverbrauch einhergehen, wurden konfrontiert mit teils spielerisch offenen, teils praktisch eingeübten Alternativen. Und so wurden wir um die Erfahrung bereichert, dass Handeln im Sinne nachhaltiger Entwicklung nicht nur notwendig ist, sondern auch neue Perspektiven eröffnet und Freude macht.

Das Bildungsprogramm ÜBER LEBENSKUNST.Schule hat in den vergangenen zwei Jahren mit Protagonisten der jungen Generation nach Bausteinen einer neuen Lebenskunst geforscht.

Entstanden ist es als Kooperation mit dem Institut Futur der Freien Universität Berlin, dessen Leiter Gerhard de Haan seit Jahren den Diskurs und die Praxis der Bildung für nachhaltige Entwicklung in Deutschland vorantreibt und sich als inspirierender Partner für unser Vorhaben erwiesen hat. Achtzehn Künstlerinnen und Künstler haben in einer zehnmonatigen modularen Weiterbildung die Verbindung ihrer Praxis mit dem Anliegen der nachhaltigen Entwicklung durchdrungen und währenddessen Konzepte für Projekte an Schulen erarbeitet. Danach wurden diese bis zu einem Schuljahr dauernden Projekte mit Kindern und Jugendlichen aus insgesamt 18 Schulen in fünf Bundesländern realisiert. Darin erprobten sie neue Zugangs- und Wahrnehmungsweisen der eigenen Umwelt und setzten veränderte Handlungsweisen gleich praktisch um. Dies reichte von der politischen Beteiligung an Stadtplanungsvorhaben bis zur tänzerischen Auseinandersetzung mit dominanten Wachstumsparadigmen, von Techniken zur Veredelung von

Altkleidern bis zur Verarbeitung weggeworfener Lebensmittel zu köstlichen Pausenbroten, von Selbstbeobachtung und meditativer Innenschau bis zur geografischen Erkundung des eigenen Lebensumfelds.

Diese Webpublikation zeigt die Fülle der Themen und Arbeitsweisen auf und macht Lust darauf, das Experiment einer neuen Lebenskunst selbst fortzuführen.

Sie offenbart außerdem, was eine produktive Zusammenarbeit von Kunst und Bildung braucht: den achtsamen Umgang miteinander, das gemeinsame Ausprobieren und Reflektieren, das heißt auch, Verunsicherungen auszuhalten, und darüber hinaus das Vertrauen in das eigene Können.

Daher gilt unser großer Dank all denen, die ÜBER LEBENSKUNST.Schule mit ihren Ideen und ihrer Tatkraft ausgefüllt haben: den teilnehmenden Künstlerinnen und Künstlern, ihren Partnern und Unterstützern an den Schulen, den Referentinnen und Referenten der Weiterbildung,

unserem Kooperationspartner Gerhard de Haan, den beiden Leiterinnen des Programms Saskia Helbig und Wanda Wieczorek und dem unterstützenden Team.

Wir wünschen Ihnen viel Vergnügen beim Entdecken der folgenden Seiten und zahlreiche Funken der Inspiration für Ihre eigene Lebenskunst!

Hortensia Völckers,
Prof. Dr. Bernd M. Scherer