Kolben

Inhalt

I.Formen der Praxisbegleitung Projektetreffen und Projektbesuche ExperInnenberatung Dokumentation

II.Begleitforschung Ebenen der Analyse Selbstforscher in eigener Sache

Kunst – kulturelle Bildung – Bildung für nachhaltige Entwicklung – Schule. Die ÜBER LEBENSKUNST.Schule hat nicht nur verschiedene fachliche Ansätze, sondern auch viele Personen mit unterschiedlichen professionellen Hintergründen vereint. Aber was passiert, wenn diese unterschiedlichen „Spielarten“ aufeinandertreffen und gemeinsame Sache machen? Wie übersetzen KünstlerInnen Themen nachhaltiger Entwicklung in Bildungsprozesse? Was können wir aus ihren Erfahrungen lernen? Am Beginn der ÜBER LEBENSKUNST.Schule stand der Wunsch, mit den Schulprojekten einen Beitrag zur Weiterentwicklung der Schnittstelle von Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) und Kunst/kultureller Bildung zu leisten und damit PraktikerInnen beider Arbeitsfelder zu inspirieren. Aber worin genau kann dieser Beitrag bestehen?
Um Antworten auf diese Frage zu erhalten, ist eine strukturierte Auseinandersetzung mit der Projektpraxis notwendig. Die 17 KünstlerInnen der ÜBER LEBENSKUNST.Schule wurden daher während der Umsetzung ihrer Schulprojekte mit verschiedenen Reflexionsangeboten, von kollegialer Beratung bis zur Dokumentation, begleitet und unterstützt. Die Gleichzeitigkeit von praktischem Tun und dessen Reflexion war für alle Beteiligten eine anspruchsvolle Aufgabe, die es aber ermöglichte, aus Erfolgen und Momenten des Scheiterns zu lernen und im Austausch mit KollegInnen individuelle Erfahrungen auch in ihren verallgemeinerbaren und strukturellen Aspekten zu begreifen.

Es ist uns wichtig, diese verschiedenen Maßnahmen der Begleitung zu beschreiben, denn wir halten es für unabdingbar, dass künstlerische Schulprojekte nur unter guter fachlicher Begleitung und mit ausreichendem Anlass und Angeboten zur Reflexion durchgeführt werden. Unserer Erfahrung nach sind die ProjektinitiatorInnen während der Durchführung mit einer solchen Fülle von Aufgaben, Fragen und Herausforderungen konfrontiert, dass sie mit deren Bewältigung nicht allein bleiben dürfen. Gegenseitige Unterstützung und Austausch unter KollegInnen ist dafür ebenso bedeutsam wie ein professioneller Rat. Um das zu ermöglichen, müssen finanzielle Mittel bereitgestellt und zeitliche Ressourcen von Anfang an eingeplant werden.
Wir konnten über das Ob und Wie der Begleitung im Rahmen des verfügbaren Budgets frei entscheiden. So verteilten wir die finanziellen Mittel auf verschiedene Reflexionsangebote, um damit für unterschiedliche Bedürfnisse passende Werkzeuge anzubieten. Unsere eigenen Ressourcen dagegen waren durch die festgeschriebenen Personalbudgets begrenzt. Dennoch versuchten wir, neben den sonstigen Maßnahmen und unseren organisatorischen Aufgaben eine kleine Begleitforschung durchzuführen, für deren externe Beauftragung die Mittel nicht vorhanden waren.

I. Formen der Praxisbegleitung

Projektetreffen und Projektbesuche

Das Kernstück der Praxisbegleitung bildete der regelmäßige Kontakt der TeilnehmerInnen untereinander und mit den Programmleiterinnen. Im Laufe des Schuljahres 2011/12 fanden vier eineinhalbtägige Projektetreffen im Haus der Kulturen der Welt statt, die dem Austausch und der gemeinsamen Reflexion der Projektpraxis (in Form kollegialer Beratung) dienten. Die Rückmeldung der TeilnehmerInnen ergab, dass dieser direkte, wenig strukturierte Austausch untereinander eine große fachliche und emotionale Unterstützung bedeutete und auch konkrete Probleme dabei lösungsorientiert bearbeitet werden konnten.
Daneben besuchten wir jedes der Projekte mindestens ein Mal und führten Gespräche mit den beteiligten SchülerInnen, LehrerInnen und PartnerInnen über ihre Eindrücke und Erfahrungen in dem Projekt. Diese Gespräche waren keine Befragungen, deren Ergebnisse wir danach verarbeiteten, sondern Angebote zum Austausch und zur Reflexion des Projekts aus der jeweiligen Perspektive.

ExpertInnenberatung

Jedes Projekt hatte ein Stundenkontingent zur Verfügung, mit dem bezahlter ExpertInnenrat eingeholt werden konnte. Dies konnte eine ReferentIn aus dem Bildungsprogramm sein, ein fachlich unabhängiger Coach oder eine andere für die KünstlerIn wertvolle Beratungsperson. Dabei wurden nach Bedarf der KünstlerInnen strukturelle, inhaltliche oder methodische Projektelemente reflektiert und Optimierungsmöglichkeiten für die Projektpraxis erarbeitet. Das Honorar für eine Beratungsstunde wurde von uns festgelegt und direkt vergütet, die KünstlerInnen vereinbarten die Inhalte und den Modus der Beratung selbst.
Dem Anspruch eines offenen, diskursiven und kritisch-reflektierenden Programms mit einer heterogenen Teilnehmergruppe gerecht zu werden, bedeutete auch für uns als Leiterinnen, eine professionelle Begleitung in Form eines systemischen Coachings in Anspruch zu nehmen.

Dokumentation

Die Dokumentation der Schulprojekte wurde im Rahmen der Projektverträge geregelt und von Rahel Puffert als Beraterin das ganze Schuljahr über betreut. Sie regte die kontinuierliche schriftliche oder bildliche Auseinandersetzung mit der Projektumsetzung, zum Beispiel in Form von Tagebüchern an, um den Prozess im Detail reflektieren und das eigene Handeln weiter professionalisieren zu können. Die Dokumentationen in dieser Webpublikation sind eine Weiterverarbeitung dieser begleitenden Notation und entstanden allein in Verantwortung und Zuständigkeit der KünstlerInnen, wiederum beraten und unterstützt durch Rahel Puffert.

II. Begleitforschung

Zusätzlich zur Praxisbegleitung wollten wir das gesamte Programm ÜBER LEBENSKUNST.Schule – von der Ausgangsidee bis zur Abschlussveranstaltung – auch mit einem forschenden Blick betrachten. Wir erhofften uns, durch die Beschreibung und Reflexion des Geschehenen Qualitätsmerkmale für ein neues Praxisfeld an der Schnittstelle von BNE und Kunst/ kultureller Bildung formulieren zu können.
Es ging uns dabei nicht um einen Vergleich der Schulprojekte oder der beteiligten Personen nach bestimmten Merkmalen. Im Gegenteil wollten wir die Individualität eines jeden Projekts respektieren und die Akteure in ihrem Tun (be)sta¨rken. Gleichzeitig wollten wir sehr wohl diejenigen inhaltlichen, methodischen und strukturellen Aspekte herausarbeiten, die fu¨r alle Projekte relevant waren. Davon erwarteten wir uns Rückschlüsse darauf, welche Faktoren und Bedingungen zum Gelingen bzw. zum Scheitern eines Projekts führen können.
Eine wissenschaftliche Begleitforschung konnten wir aufgrund beschränkter zeitlicher Ressourcen nur intern und in einem kleinen Rahmen realisieren. Das beinhaltete auch eine methodische Gratwanderung bezogen auf unsere Rollen: mal inhaltlich bestimmend als Programmleiterinnen, mal kritisch-fragend als Begleiterinnen der Praxis und Gesprächspartnerinnen. Selbstverständlich niemals neutral. Wir haben uns dabei an der Aktionsforschung (action research) orientiert und die kontinuierliche Reflexion des praktischen Tuns aller Beteiligten als Ressource betrachtet. Die daraus entstandenen Erfahrungen und Erkenntnisse können wir für uns selbst, aber auch für andere Akteure nutzbar machen. Aktionsforschung geht nicht von einem Forschungsobjekt, sondern von interessengeleiteten Individuen aus. Die subjektiven Interpretationen der eigenen sozialen Praxis werden genutzt, um Handlungsmöglichkeiten zu erweitern.
Bei der Durchführung der Begleitforschung wurden wir von Anna Chrusciel vom Institute for Art Education der Zürcher Hochschule der Künste beraten und unterstützt.
(Literatur: H. Altrichter /P. Posch: Lehrerinnen und Lehrer erforschen ihren Unterricht. Bad Heilbrunn 2007.)

Ebenen der Analyse

Die Beschreibung und Reflexion des Geschehenen sollte alle Ebenen und Beteiligten der ÜBER LEBENSKUNST.Schule einbeziehen. Aus unserer ersten Fragestellung „Was bedeutet BNE im Kontext der ÜBER LEBENSKUNST.Schule?“ leiteten wir zunächst eine Ausgangsfrage ab, um herauszufinden, welche Motive zur ÜBER LEBENSKUNST.Schule geführt haben und wie BNE auf den verschiedenen Ebenen des Programms interpretiert und adaptiert wurde. Die programminitiierenden Kooperationspartner fragten wir, wie es zur Entstehung der ÜBER LEBENSKUNST.Schule kam. Ihre Antworten sind im Interview mit Lutz Nitsche und Teresa Jahn von der Kulturstiftung des Bundes sowie im Essay von Gerhard de Haanvom Institut Futur nachzulesen. Als Programmleitung befragten wir auch uns selbst: Was sind unsere Positionen zu und Interpretationen von BNE? In welcher Weise haben wir BNE für ÜBER LEBENSKUNST.Schule ausgelegt und wie spiegelt sich das in den Aktivitäten, die stattgefunden haben? Wie werden unsere Interpretationen aufgenommen? In unseren Überlegungen zum Bildungsprogramm stellen wir diese beiden Aspekte dar. Die 17 teilnehmenden KünstlerInnen fragten wir nach ihren Erwartungen an das eigene Schulprojekt und ihrer Interpretation bzw. spezifischen Anspruch an BNE. Diese Befragung führten wir im ersten Drittel der Praxisphase durch. Sie ermöglichte es uns, auf die zweite Forschungsfrage „Welche Erkenntnisse können wir für weitere Projektvorhaben gewinnen?“ einzugehen und einige querliegende Themen und Fragestellungen zu identifizieren, die die Mehrheit der KünstlerInnen im Kontext ihres Projekts beschäftigten. Auf dieser Basis haben wir Erkenntnisse aus den Erfahrungen der KünstlerInnen mit ihren Schulprojekten formuliert.

Selbstforscher in eigener Sache

Die Befragung diente uns auch dazu, ein Orientierungsschema für die Betrachtung der Schulprojekte zu erhalten. Auf dieser Basis wählten wir aus den 14 Projekten drei für eine teambasierte Begleitforschung aus. Entscheidend für die Auswahl war deren Heterogenität bezogen auf die thematisch-methodische Orientierung, auf Schultypen/Altersgruppen sowie auf das künstlerische und thematische Vorgehen. In einer ersten gemeinsamen Sitzung mit den KünstlerInnen der drei ausgewählten Projekte wurden deren spezifische Forschungsfragen entwickelt. Dazu überlegten sich die Beteiligten zunächst individuell, welche Fragen sie an sich und ihr Projekt stellen. Konkret und im Sinne der Aktionsforschung bedeutete das: Welche persönlichen Annahmen und aktiven Handlungen will ich genauer untersuchen, um daraus andere Handlungsmöglichkeiten ableiten zu können? Ein weiteres Forschungstreffen diente der Operationalisierung. Für jedes Projekt identifizierten die KünstlerInnen die Akteure, die eine zentrale Rolle in Bezug auf die Forschungsfrage einnehmen und zu ihrer Beantwortung beitragen könnten. Dabei wurden auch geeignete Erhebungsmethoden und ­settings besprochen, die in der Folge umgesetzt wurden – teilweise durch uns Programmleiterinnen, teilweise gemeinsam. Die Erfahrungen und Erkenntnisse aus diesem Aktionsforschungsprozess haben die vier ProjektinitiatorInnen individuell verarbeitet und im Rahmen ihrer Dokumentationen umgesetzt. Wir stellen die drei Projekte mit ihren Forschungsfragen und Erhebungsmethoden in der Analyse der Schulprojekte vor.

„Das war kein Papiertiger!“

Ein Interview zum Beitrag der Kunst zu nachhaltiger Entwicklung

Dr. Lutz Nitsche, Referent des Vorstands, und Teresa Jahn, Wissenschaftliche Mitarbeiterin der Kulturstiftung des Bundes haben das Projekt ÜBER LEBENSKUNST vor allem in seiner Anfangsphase mit entwickelt und geformt. Einen besonderen Schwerpunkt bildete dabei das Bildungsprogramm und die Kooperation mit dem Institut Futur der Freien Universität Berlin. In dem Interview fragen wir sie nach den Beweggründen, die zur Entstehung der ÜBER LEBENSKUNST.Schule geführt haben, und nach der Verbindung von Kunst, kultureller Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE).

Bitte beschreibt die Entstehung der ÜBER LEBENSKUNST.Schule. Woher kam die Idee dazu und wieso habt ihr sie auf diese Weise auf die Spur gesetzt?

Lutz Nitsche: In dem Projekt ÜBER LEBENSKUNST ging es für die Kulturstiftung des Bundes darum, das Thema Ökologie aus künstlerischer und kultureller Sicht aufzugreifen. Nach Gesprächen mit unseren Partnern im Haus der Kulturen der Welt war schnell klar,

dass gerade dieses Thema nicht der üblichen Projektlogik verhaftet bleiben, sondern dauerhafte Nachwirkungen erzielen sollte.
Wir haben uns entschieden, sowohl auf das einmalige Ereignis zu setzen und zugleich strukturelle Veränderungen anzugehen. Das Erste war das Festival ÜBER LEBENSKUNST, das wir mit Hilfe von Projekten wie dem Call for Future längerfristig angelegt und mehr als ein Jahr vor dem Festivaltermin gestartet haben. Flankiert wurde ÜBER LEBENSKUNST zweitens vom EMAS-Zertifizierungsprozess der Kulturstiftung des Bundes. Gleich zu Beginn stand die Kooperation mit dem Institut Futur und unser Wunsch, dass Künstlerinnen und Künstler zu Multiplikatoren weitergebildet werden, um den Leitgedanken der Verbindung von Ökologie und Kunst/Kultur in die Schulen hinein zu tragen.

Teresa Jahn: Wenn man darüber nachdenkt, wie wir in Zukunft leben wollen und können, dann ist es notwendig, die jüngere Generation einzubeziehen. Daher wollten wir KünstlerInnen und Kulturschaffende, die sich als Multiplikatoren an Kinder und Jugendliche wenden und diese in

das Labor von ÜBER LEBENSKUNST hineinholen. Die Fragen, die beim Festival eine Rolle spielten, sollten auch in Schulen verhandelt werden – und umgekehrt.

Warum seid ihr auf das Institut Futur zugegangen und was hat euch am Konzept Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) interessiert?

LN: Vom Institut Futur als Forschungseinrichtung konnten wir bei der Kulturstiftung des Bundes erwarten, dass das Programm evaluativ gut begleitet wird, gleichzeitig hat es auch einen großen Einfluss im Praxisfeld der BNE. Also genau das, was wir brauchten.

TJ: Bei unserer Vorrecherche stießen wir auf ein Schaubild aus einer früheren Multiplikatorenausbildung am Institut Futur, das die verschiedenen für eine nachhaltige Entwicklung relevanten Bereiche aufführte: Wirtschaft, Umwelt usw. Aber Kunst und Kultur kamen darin nicht vor.

LN: Und das hat uns empört. Also haben wir zum Telefonhörer gegriffen und den Leiter des Instituts,

Gerhard de Haan, angerufen und ihm gesagt, dass wir das Institut mit an Bord haben wollen, um diese Verbindung von Kultur und nachhaltiger Entwicklung gemeinsam in Angriff zu nehmen. Wir wollten das Nachhaltigkeitsthema ja nicht nur in der Kunstnische behandeln, sondern weitere Kreise ziehen und zum Beispiel in die Schulen hineintragen. Natürlich hat die Kulturstiftung des Bundes Erfahrung im Bereich kulturelle Bildung, sie hat auch hohe Ansprüche an die Art und Weise, wie solche Projekte aussehen sollen. Aber uns war klar, dass wir einen bildungspolitischen Partner brauchen, der das Vorhaben verstetigen kann.

Wie habt ihr die Notwendigkeit, Nachhaltigkeit und Kunst bzw. kulturelle Bildung zu verknüpfen, begründet?

LN: Die Kulturstiftung des Bundes hat ihre Recherche im Jahr 2007 begonnen – genau dann, als „Klimakatastrophe“ zum Wort des Jahres wurde. Bei der Recherche wurde schnell deutlich, dass die Klimadiskussion in einem hohen

Maße abstrakt geführt wird – von Ökonomen ebenso wie von Klimawissenschaftlern – und dass sie das Individuum vor allem auf einer alarmistischen Ebene erreicht. Dabei gehen die Sachverhalte jeden etwas an. Aber was da verhandelt wird, ist immer ganz weit weg, weit in der Zukunft, weit an anderen Orten der Erde. Klingt zwar katastrophal, aber berührt die eigene Persönlichkeit nicht. Da wurde uns klar, dass es andere Vermittlungsformen für diese Problematik geben muss, da sie immer auch eine Sache der Kultur ist, eine Sache von Wertvorstellungen, vielleicht auch von Körpererfahrung.

TJ: Es ging auch darum, eine neue Sprache für das zu finden, was mit Zahlen und Werten gar nicht wirklich ankommt, weil es für den Einzelnen nicht erfahrbar ist: Was heißen diese abstrakten Zahlen, diese abstrakten Begriffe tatsächlich für uns?

Was habt ihr euch von der ÜBER LEBENSKUNST.Schule versprochen?

LN: Wir haben uns in der Stiftung ein zweistufiges Verfahren überlegt. In der erste Phase die Entwicklung eines Curriculums, das auf den Erfahrungen

basiert, die das Institut Futur mit bisherigen Fortbildungen gemacht hat. In einer zweiten Phase wollten wir diese Kompetenzen in schulischen Zusammenhängen zünden. Es war unser Wunsch, dass das Wissen, das sich die Künstlerinnen und Künstler aneignen, in Realzusammenhängen getestet wird und dass dabei ein Leuchtfeuer an Projekten entsteht. Diese Projekte haben ein gemeinsames Grundinteresse, aber die künstlerischen Wege, wie sich das Thema dann in den jeweiligen Zusammenhängen entfaltet, sind natürlich ganz unterschiedlich.

TJ: Da das Festival in Berlin verankert war und im Sinne des Nachhaltigkeitsgedankens auch den lokalen Kontext im Blick hatte, war es uns wichtig, mit der ÜBER LEBENSKUNST.Schule einen bundesweiten Programmbestandteil zu integrieren, der die Ideen des Projekts auch in andere Bundesländerträgt und dort Satelliten bildet. Natürlich besteht der Wunsch, dass die beteiligten Künstlerinnen und Künstler auch danach an diesen Themen oder mit diesen Schulen weiterarbeiten. Und dass sich das Interesse daran, zusammen mit

Kindern und Jugendlichen über das Thema Nachhaltigkeit nachzudenken, an diesen verschiedenen Orten weiter entfaltet.

LN: Was von dem Bildungsprogramm nach dem Ende des Initiativprojekts bleibt, wird sich vielleicht noch zeigen. Immerhin haben wir versucht – deswegen war das Institut Futur ein so guter Partner – die Verstetigung dadurch zu befördern, dass Fortbildungsmodule entstehen, die eine gewisse Hartnäckigkeit haben und in der Welt bleiben, sodass man zurückkommen und sie wieder nutzen kann.

TJ: Unser Wunsch für diese Publikation ist, dass in einem einfach zugänglichen Medium die Inhalte des Programms zusammengetragen werden, damit sich Interessierte und weitere Akteure daraus bedienen und die Erfahrungen nutzen und weitertragen können.

LN: Das ist ja ein Angebot an Institutionen in ganz Deutschland. Ein weiteres Angebot ist der Leitfaden aus dem Festival ÜBER LEBENSKUNST zu ökologischem Veranstaltungsmanagement.

In der ÜBER LEBENSKUNST.Schule sollten Elemente der BNE mit Kunst und kultureller Bildung verbunden werden. Was ist aus eurer Sicht das Ziel dieser Verbindung? Welche besonderen Qualitäten bringt die kulturelle Bildung zum Erreichen dieses Ziels mit?

TJ: Für uns war da zunächst der Wunsch, dass BNE-Projekte Kunst und Kultur stärker in den Blick nehmen. Wir glauben, dass künstlerische Herangehensweisen hervorragend geeignet sind, um über Fragen der Nachhaltigkeit nachzudenken. Nicht zuletzt, weil Nachhaltigkeit bei Kunst und Kultur immer eine Rolle spielt, zumindest implizit. Während BNE das Ziel der Kompetenzvermittlung im Blick hat, besitzt die kulturelle Bildung einen offeneren Zugang, der grob heißen könnte: Teilhabe an Kunst und Kultur zu ermöglichen, Neugier für die Künste zu wecken und mehr Kenntnisse über Kunst und Kultur zu vermitteln. Sie ermöglicht die praktische künstlerische Arbeit und wir glauben, dass Kinder und Jugendliche eine große Affinität dazu haben, sich den großen Fragen des Zusammenlebens künstlerisch

zu nähern. Daher wollen wir, dass Künstlerinnen und Künstler in der BNE mitmischen und zugleich auch neue Wege aufzeigen.

LN: Wir versuchen nicht, um jeden Preis Kulturereignisse in die Welt zu setzen. Sondern wir gehen davon aus, dass bestimmte künstlerische Verfahrensweisen geeignet sind, um Selbstermächtigung und Autonomie zu gewinnen. Das ist natürlich nah an den Zielen der BNE, da haben wir einen Berührungspunkt gesehen. Aber es gibt ein oder zwei Punkte, die dazukommen, wenn es Künstlerinnen und Künstler machen. Die Schulprojekte zeigen es jetzt ganz deutlich, sie setzen nicht nur bei kognitiven Erkenntnisweisen an, sondern es geht um Haptik, um sinnliche Erfahrung, um Geschmack, gutes Aussehen, Eco-Fashion oder ökologisches Catering. Sie versuchen kombinierte Erfahrungsräume zu öffnen, die sicherlich auch faktisches Wissen vermitteln oder Wissen als Grundlage haben, aber die sehr viel stärker auf die Persönlichkeit und auf körperliche Erfahrung abzielen. Wir haben hier keinen „Öko-Rhythm is it!“ erfunden, aber wir halten die Rhythmik, den Beat,

das Körperliche bei kultureller Bildung für wichtig und sehen das als ein Segment oder vielleicht eine Methodik an, die BNE bisher vernachlässigt hat und die wir mit der ÜBER LEBENSKUNST.Schule erproben wollten.

TJ: In Schulen wird Wissenserwerb mit Noten beurteilt. Kunst hat dagegen eine hohe Fehlertoleranz:. In einem Kunstprojekt darf auch ein Umweg gegangen werden. Zwar gibt es meistens ein Ergebnis, aber der Prozess ist ebenso wichtig. Darin steckt eine Sprengkraft, die in die Schulen getragen werden kann. Das ist durchaus ein Anspruch oder ein Wunsch für die Zusammenarbeit von Künstlerinnen und Künstlern mit Schulen.

Seht ihr auch Konflikte oder Widersprüche zwischen diesen beiden Konzepten und Praxisformen?

LN: Das ist ein gemeinsamer Lernprozess. Naturgemäß ging es bei diesem schwierigen Thema in der Kulturszene erst einmal auch darum, Wissen zu vermitteln. Umgekehrt haben wir gehofft, dass BNE auch bereichert werden kann durch

die Impulse aus Kunst und Kultur. Dieser gemeinsame Lernprozess ging natürlich noch gar nicht weit genug, denn das große Feld von Bildung für nachhaltige Entwicklung ist eines, das gesamtgesellschaftlich gesehen werden muss. Das geht von Design über Mobilität und Ernährung bis zur Gesetzgebung. Wir drehen an kleinen Rädchen, wohl wissend, dass sie gedreht werden müssen, aber dass andere, größere Räder woanders gedreht werden. Nur kann es nicht sein, dass wir dies als Vorwand benutzen, um untätig zu bleiben. Es ist leicht zu sagen, China baut jeden Tag zehn Kohlekraftwerke, aber diese Tatsache entbindet uns nicht von der Aufgabe, trotzdem heute und hier das Angemessene, das ökologisch Richtige zu tun.

TJ: Das Gesamtprogramm ÜBER LEBENSKUNST sollte ein Labor sein, in dem alle Bereiche, die sich mit Fragen der Nachhaltigkeit beschäftigen, interdisziplinär zusammenarbeiten, voneinander und miteinander lernen – Wirtschaft, Politik, Kunst und natürlich Bildung. Das heißt auch, dass man zwischen BNE und kultureller Bildung Synergien schafft und sich nicht abgrenzt – wozu auch?

Wie würdet ihr die 14 Schulprojekte nun bezeichnen – als BNE, kulturelle Bildung oder Kunst?

TJ: Also ich könnte die Projekte nicht einordnen und will das auch gar nicht. Erstens würde es aus meiner Sicht der Idee widersprechen, da es bei ÜBER LEBENSKUNST um das Schaffen von Synergien geht und nicht darum, Theorien wieder auseinanderzudividieren. Und zweitens sind dies alles Projekte von Künstlerinnen und Künstlern mit Kindern und Jugendlichen, die sich auf ganz unterschiedliche Weise mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandergesetzt haben. Aus der Sicht eines herkömmlichen Kunstbegriffs kann man feststellen: Es waren alles partizipative und prozessuale Projekte und sie waren in irgendeiner Weise experimentell, wobei sie über den herkömmlichen Kunstunterricht vermutlich hinausgingen – es waren interventionistische Projekte voller Gestaltungswillen, manchmal weit abseits dessen, was in Schulen üblich ist.

Ihr habt jetzt einige Erwartungen formuliert.

Könnt ihr aus der Rückschau oder nach dem jetzigen Stand des Wissens sagen, ob sie sich auch in eurem Sinne erfüllt haben?

LN: Es haben sich bestimmte Etappenziele in fantastischer Weise erfüllt. Beispielsweise wurden kürzlich auf den Thementagen so viele Dinge präsentiert, die nicht irgendjemand irgendwo erfunden hat, sondern die Lebenswirklichkeit an Schulen geworden sind. Das war aus Sicht der Kulturstiftung als Förderin und Co-Erfinderin dieses Programms eine unglaubliche Freude – zu sehen, dass wirklich etwas geschehen ist, was Menschen bewegt hat, und es kein Papiertiger war.

Was ist aus eurer Sicht das Besondere an ÜBER LEBENSKUNST.Schule im Vergleich zu anderen Programmen im Kontext von BNE und kultureller Bildung?

TJ: Das Besondere an ÜBER LEBENSKUNST.Schule war, dass es eine sehr intensive Vorbereitungsphase gab – was in diesem Arbeitsbereich leider noch eine seltene Situation ist –, dass es Prozessbegleitung und

Projektberatung gab und dass den Projekten eine Langfristigkeit garantiert wurde, die die intensive Arbeit mit den Schülerinnen und Schülern erst ermöglichte. Die Erfahrungen zeigen, dass man in Schulen in der Regel mindestens drei/vier Monate braucht, um mit den richtigen Leuten in Kontakt zu kommen und die Grundlagen für die Projektarbeit zu schaffen. Und dennoch ist es normalerweise schwierig, das auch so anzulegen und umzusetzen. Zeit für genau diese Prozesse einzuräumen, war für uns in dem Teilprojekt ÜBER LEBENSKUNST.Schule sehr wichtig.

LN: In den Schulprojekten gab es im Grunde eine dreifache Öffnung: eine Öffnung im Hinblick auf Fehlerfreundlichkeit, eine Öffnung der Zeithorizonte und eine Öffnung hin zu selbst gestalteter und selbst organisierter Gruppenerfahrung.


Das Gespräch führten Saskia Helbig und Wanda Wieczorek.