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Von Berlin nach Turku und zurück oder: Anders unterwegs – Paula Marie Hildebrandt

 

 

1. Losfahren: „Wagen 4276 kommt pünktlich zum vereinbarten Termin um 4:50 Uhr. Vielen Dank für Ihre Bestellung.“ Weil um 5 Uhr morgens noch keine Tram fährt, mit dem Taxi zum Hauptbahnhof. Umsteigen in  Hamburg. Im ICE nach Kopenhagen jetzt neu: angeblich frisch gebrühter Filterkaffe, der schon bei Oldenburg lauwarm ist, aber „organic“, dazu eine Gratisschokolade (Valrhona Bitter & Eegant, 70% Noir) und „Refill“ in Dänemark. Die Fährüberfahrt von Puttgarden dauert ca. 45 Minuten. Alle Fahrgäste bitte aussteigen. Der Zug wird zwar verschlossen, aber bitte nehmen Sie ihre Wertsachen mit.

 

 

 

2. Förbjudet beträda spåren: Im Zug nach Stockholm zwischen Linköping, Norrköping und Nyköping bleibt der Zug immer mal wieder stehen. Die Durchsagen sind auf dänisch und schwedisch – die wirklich wichtigen Dinge verstehen sich auch so wie beispielsweise ‚Förbjudet beträda spåren‘ (=Betreten verboten)  oder dass der Zug Verspätung hat. Und zwar fast eine Stunde. Nicht viel, aber zu viel für den Anschlussbus in Stockholm, der vom Bahnhof ‚Stockholm Central‘ zum Viking Line Terminal fährt. Die Bahnschaffnerin bestellt mit ihrem iphone ein Taxi – selbstverständlich übernimmt die schwedische Bahn die Fahrtkosten und zeichnet eine Wegskizze... 

 

 

 

3. Klarabergsviadukten 49: Dort wartet das Taxi. Aber wo ist Klarabergsviadukten 49? Der Bahnhof oder vielmehr die Baustelle ‚Stockholm Central‘ eignet sich zum verirren: zwischen verschiedenen Taxiständen auf unterschiedlichen Ebenen, Hinweisschildern und freundlichen und widersprüchlichen Wegbeschreibungen von Passanten. In der Klaragatan 49, wartet auch die besorgte Schaffnerin. Schweden ist toll. Die eigentlich kurze Wegstrecke zum VIKING LINE TERMNAL (4,7km) dauert eine gefühlte Ewigkeit (Fahrzeit: 00:31h). Rush-hour in Stockholm, Stau ist demokratisch und der Fahrer freut sich, weil sich auch ein Passagier so darüber freut, dass sein Taxi ist ein Toyota Prius mit Hybridantrieb ist: „Ecological footprint? No problem!“

 

 

 

4. Adjö Stockholm: Das eigentliche Herz der AMORELLA befindet sich auf dem Zwischendeck: der Duty Free-Shop. Auf dem Infoblatt zur Überfahrt wird das Einkaufssystem AWBTR ausführlich und mit drei exemplarischen Kombinationen ausführlich erklärt und studiert, schließlich hat auch der steuerfreie Einkauf innerhalb der EU seine Grenzen und zwar: 

Entweder ein Liter A (Alkohol), plus vier Liter W (Wein), plus 15 Liter B (Bier), 200 Stück T (Tabak) und R (Retail). 

Oder 2 Liter A (z. B. Bailey‘s) plus vier Liter W plus 16 Liter B und 200 Stück T (z. B. Marlboro). 

Oder dritte Variante: 2 Liter A  (z. B. Champagner) plus 4 Liter W plus 16 Liter B (z. B. Lapin Kulta) und 200 Stück T. 

Wer das Duty-Free-System System verstanden hat, bringt seine AWBT und R-Einkäufe aufs Zimmer bzw. Kabine. Dass sich die Fenster der Kabine nicht öffnen lassen, war voraussehbar. Definitiv nix für Leute mit Platzangst. Wen das Surren und Brummen von Badbelüftung, Klimaanlage, Minibar und Schiffsmotoren beim Einschlafen stört, sollte unbedingt Ohropax mitnehmen. Verboten sind Rauchen in der Kabine und auf den Korridoren, Alkoholtrinken und Kerzen anzünden. Das abendlich Unterhaltungsprogramm beginnt um 21:30 Uhr mit ‚Seaman‘s Karaoke, tulemukaan laulamaan!‘ in der Panorama Bar (Kansi 9), dann um 22:14h ‚Tanssilattia kutsuun! Step by Step!‘ im Fun Club (k. 8) und ab 23:00h ist ‚Fun Club Special: Drinkerbjudande‘. Draußen will es gar nicht dunkeln. Die Sonne ist zwar schon lange weg, aber es bleibt hell. Eine dezente 40 Watt Beleuchtung durchgängig. Ein Tag schluckt den anderen.

 

 

 

5. Ankomst in Finnland: Die Ankunftszeit in Turku ist 7:30 Uhr Finnish Time, das heisst 6:30 Uhr Swedish Time. Anderthalbstunden vor der Ankunft, also um 4:30 Deutscher Zeit werden alle Passagiere geweckt: Klopfen, Reinrufen und Kabinentür wieder zuknallen lassen. Draussen ist schon wieder oder immer noch: taghell. Ab 4:30h – Achtung Durchsage – ist das Frukost Buffett sowie der Duty Free Shop geöffnet und – Achtung nächste Durchsage – das Reinigungspersonal ist jetzt unterwegs.

 

 

 

6. Tervetuloa: Die Nonnen wissen, wie das geht: Nachhaltiges Hotelmanagement. Statt Businesscards gibt es einen Stempel. Statt Infobroschüren liegen Gebetstexte der heiligen Bridget von Schweden aus: „I will plant my new vineyard: you will bring to it new vines, I will fertilize them with my grace and they will put forth new shoots.“ Auf dem Zimmer grüßt ein gesticktes ‚Tervetuloa‘ (‚Willkommen auf finnisch) im Bilderrahmen. Die Bibel in der Schublade, Blümchenbettwäsche, ein gekreuzigter Jesus und ein Bilde mit Gondeln in Venedig sind und bleiben zeitlos.

 

 

7: ÜBERTURKU: Bei den Finnen, wo ja bekanntlich das halbe Jahr Dunkelheit herrscht, sind die Sommermonate kostbar. Alles ist unterwegs. Zu Fuß, im T-Shirt aber mit Handschuhen auf dem Fahrrad oder per Seilbahn über den Fluß Aurajoki. Das heisst dann, weil von einer deutschen Gruppe erdacht: ÜBERTURKU. Andere machen Performance und folgen der Gruppe TAAG (Turku Academic Association Grill), die zwischen 21 Uhr und 4 Uhr nachts im Rahmen des Kunstprogramms ‚Turku365 – A year of everyday exploration‘ die Schienen der ehemaligen Tram nachzeichnet. An der Wegstrecke gibt es Gespräche dazu und geselliges Grillen. Die Aktion wurde von den Behörden im Rahmen des Europäischen Kulturhaptstadtjahres genehmigt, wenn auch nur mit weißer Kreide statt mit richtiger Farbe.

 

 

8. Brand-newworld: Mit dem Bus nach Ruissalo, ca. 20 km nordöstlich von Turku. An der Fensterscheibe erinnern die jetzt leeren Postkartenhalter an die Kunstaktion ‚Travel Art to an unknown Friend‘. Im Februar konnten die Passagiere auf den Linien 1, 32 und 42 die Fahrt nutzen, um mit einem Bleistift das Herumkurven, Ruckeln oder Bremsen auf einer Postkarte aufzuzeichnen. Was macht die Kunst an der Ampel? Wie bildet sich das Kopfsteinpflaster auf dem Papier ab? Wird die Kunst am Wochende impressionistischer? Die anonymen Kartengrüße wurden zum Valentinstag von Mitarbeitern der Kunstaktion ‚Turku365‘ an Bewohner von Seniorenheimen und Single-Apartments verteilt. 

 

 

9. Upcycling mobility: Ganz einfach. Das Surfbrett wird zum Picknicktisch.

 

 

10. Frachter im Fenster: Die Fähre nach Stockholm, diesmal die ISABELLA, legt pünktlich um 21:00 Uhr ab. Auch am Söndag ist für Unterhaltung gesorgt, wobei im Infoblatt für die Passagiere nicht nur die ‚Program Hostess‘ verantwortlich für Abendgestaltung, sondern auch die ‚Program Hostess for Kids‘ namentlich erwähnt wird. Heute Abend nach dem ‚Karaoke by Seaman‘s Shot (extra hot) macht der Troubadur Jouni Kerosen ‚dansmusik‘ und ab 01:30 lässt es DJ Roddy Li Chong ‚höjer pulsen‘.

 

 

11. EU-Recycling mit Grenzen: Ankomst und Välkommen Stockholm. Mit dem Flygbussarna zum Hauptbahnhof Stockholm Central. Warten im Caffè RITAZZA und die Gelegenheit für eine Nebenbetrachtung zum Thema Reisen in Europa. War der Bus nur mit Kreditkarte zu bezahlen (40 SKR), ist für die Toilettenbenutzung (10 SKR) am Bahnhof Bargeld gefragt: „You can also pay in Euro. The ATM machine is just around the corner!‘. Auch im McCafé ist die Toilettenbenutzung nur für Gäste, dafür gibt es kostenloses WLAN im McCafébereich. Bezahlen gerne in Euro, aber nur in Scheinen, no coins. Dass in Sachen europäische Harmonisierung durchaus noch nachgebessert werden kann zeigt auch das Pfandflaschenproblem. Erst ist der Rücknahme-Automat an Bord der Fähre war kaputt und der Duty Free Shop nimmt natürlich keine Pfandflaschen zurück. Die finnische Plastikflasche mit POLAR SPRING WATER findet in Schweden keinen Abnehmer, die deutsche VOLVIC-Flasche reist im Koffer wieder zurück, auf der in Stockholm mit schwedischen Kronen gekauften IMSDAL-Flasche (with Vitamins and Minerals) ist zwar eine dänische Flagge, aber in Dänemark will sie auch keiner haben – geschweige denn einen Pfand dafür zu zahlen (PANT 1 KR).

 

 

12. Ohne Elch, aber mit Pferd: Während der sechs Stunden Bahnfahrt von Stockholm nach Kopenhagen zeigt sich kein Elch, auch kein Reh oder Feldhase, aber ein Pferd und eine gelb-blaue IKEA Fabrik – und vereinzelt rote Holzhäusschen. Nach stundenlangem Aus-dem-Fenster-gucken wird auch klar, warum diese meistens rot sind, nämlich weil man bei diesem Einheitsgrün hügelan hügelab dringend eine Komplementärfarbe braucht. Und dabei ist jetzt Sommer und immer mal wieder, durch vereinzelt Wolken zwischen Nässjö und Malmö, Fliederfarben. Die Rückreise Richtung Süden bringt nicht nur mehr Farben, sondern auch mildere Temperaturen, nicht nur draussen, sondern auch im Zug, weil die Deutsche Bahn offenkundig auch in diesem Jahr ein Problem mit Klimaanlagen hat. „Frische Luft bekommen Sie ja gleich auf der Fähre!“, lautet die lapidare Antwort des Bahnschaffners und die wütende Schwedin verlässt mit immer noch rotem Kopf den Zug in Puttgarden. Ansludsen in Hamburg klappt und der ICE erreicht den Berliner Hauptbahnhof um 23:41h.

 

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